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Corona, die wirtschaftliche Katastrophe in der Veranstaltungsbranche – eine Analyse.

  • Autorenbild: KaljoA
    KaljoA
  • 5. Mai 2020
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Mai 2020


Die Bregenzer Festspiele
Rigoletto - Bregenzer Festspiele (Foto: dpa)

Die Corona Pandemie hat schlichtweg der kompletten Wirtschaft von heute auf morgen den Boden unter den Füßen weggezogen. Wir Unternehmer analysieren, planen und forecasten, doch völliger Stillstand war in keinem Modell vorgesehen, daher trifft uns dieser Virus in voller Härter.

Bei genauerem Betrachten der Zusammenhänge ist der laute Schrei der Wirtschaft völlig nachvollziehbar und verständlich. Veranstaltungen sind ein großer Wirtschaftstreiber. Kulturveranstaltungen wie die Bregenzer oder Salzburger Festspiele, Festivals, Sportveranstaltungen aller Art, aber auch Marketing Events wie Messen ziehen ein breites Publikum aus dem In- und Ausland in die jeweiligen Regionen. Absagen dieser Veranstaltungen haben einen großen Einfluss auf Hotellerie sowie Gastronomie und Handel, da das internationale Publikum schlichtweg ausbleibt. Der aktuelle Stillstand und die Ungewissheit stellen einen Teufelskreis dar und zwingen ganze Wirtschaftszweige tatenlos zuzusehen, wie alles, was in den letzten Jahrzehnten mühevoll aufgebaut wurde, wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt.

Gerade die Abhängigkeit der Branchen untereinander macht die momentane Situation sehr schwierig. Die Veranstaltungsbranche beispielsweise braucht die Beherbergungsbetriebe und Gastronomen in der Region, aber vice versa brauchen Beherbergungsbetriebe und Gastronomen auch die Veranstaltungen. Es geht um Liquidität und Rentabilität. Daher werden sich alle Akteure sehr genau überlegen müssen, ob die Aufrechterhaltung des Betriebes unter den aktuellen Voraussetzungen Sinn macht oder ob das “Aufsperren" des Hotels, des Restaurants mit allen operativen Kosten nicht als eine Art Katalysator fungiert und sie nicht besser beraten sind, die Häuser dieses Jahr geschlossen zu halten.

Die Bundesregierung hat schnell reagiert und ein komplettes Land auf praktisch null heruntergefahren. Einhergehend sind noch nie dagewesene Maßnahmen- und Hilfspakete für die Wirtschaft geschnürt worden. Kurzarbeitsmodelle, um Arbeitsplätze zu sichern, Kreditstundungen und Haftungsübernahmen, um Liquidität der betroffenen Unternehmen sicherzustellen, aber auch Härtefallfonds für besonders betroffene Unternehmen, insbesondere die Klein- und Kleinstbetriebe. Ein gigantischer Rettungsschirm, um kurzfristig genau da zu helfen, wo Hilfe am Nötigsten gebraucht wird.

Der Weg zum Stillstand war sehr schnell geebnet und umgesetzt. Ich persönlich war sogar sehr überrascht, wie hoch die Akzeptanz dafür in der Bevölkerung war und wie gut die Maßnahmen unterstützt wurden. De facto wurde aber so aus einer Gesundheitskrise die größte Wirtschaftskrise der zweiten Republik geschaffen. Der Weg aus dieser wirtschaftlichen Katastrophe wird, im Gegensatz zum Shutdown, ein langer werden und die Politik wird gut beraten sein, sehr individuell auf die Bedürfnisse einzelner Wirtschaftszweige und Branchen einzugehen. Die aktuell angebotenen Hilfspakete sind eigentlich nur ein Spiel auf Zeit und eine Verschiebung von Tatsachen. Mieten, Kredite usw. sind gestundet, müssen aber irgendwann zurückbezahlt werden, die Zahl, der als arbeitslos gemeldeten Menschen wird rasant weiter steigen, da teilweise Kurzarbeit durch Kündigung abgelöst wird. Viele Unternehmen waren kreativ und haben eine unglaubliche Anzahl an Gutscheinen verkauft. Was kurzfristig einen gewissen Mindestumsatz sichergestellt hat, wird langfristig viele Unternehmen in Schwierigkeiten bringen, wenn Gäste ihre Gutscheine konsumieren, die Einnahmen de facto also recht niedrig sein werden, die externen Rechnungen aber wieder ins Haus flattern und die Vermieter und Banken die gestundeten Zahlungen plötzlich wieder eintreiben wollen.

Die wirtschaftlichen Hilfsfonds helfen über die Krise hinweg, jedoch garantieren sie uns keineswegs das Überleben über die Corona Pandemie hinaus. Die Politik muss dringend Anreizsysteme schaffen und die Wirtschaftstreibenden wachrütteln. Wir müssen jetzt alle gemeinsam Ideen und Konzepte entwickeln, wie wir das Überleben der Veranstaltungsbranche, von Kulturbetrieben und Dienstleister aber auch die damit verbundenen Tourismusbetriebe, langfristig sicherstellen können.

Eines ist nämlich gewiss: Wer darauf wartet, bis der Spuk vorbei ist und wir genau da wirtschaftlich und privat anknüpfen, wo wir vor Corona aufgehört haben, wird dies vergeblich tun und das schmerzlich zu spüren bekommen. Einige unserer Partnerunternehmen wird es vielleicht nicht mehr geben, das Lieblingskaffee musste ggf. zusperren, die gesundheitlichen Auflagen für Veranstalter werden enorm sein. Ein großer Teil unserer Zielgruppen, gerade was den Kulturbereich betrifft, wird zur Hauptrisikogruppe und zu der Bevölkerungsgruppe gezählt, für die der Virus besonders gefährlich ist, daher können wir höchstwahrscheinlich davon ausgehen, dass wir dieses Publikum nicht zu tausenden post Corona auf unseren Events erwarten können. Viele Veranstaltungen haben sich nicht über Qualität identifiziert, sondern brüsteten sich damit, wie viele Besucher aus aller Herrenländer sie gezählt haben. Wir können mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass diese Zeiten erstmal vorbei sein werden und wir mehr qualitativ hochwertige Events für ein kleineres Publikum (zumindest physisch anwesend) erleben werden.

Nüchtern betrachtet torpediert und attackiert dieses Virus unsere etablierten Geschäftsmodelle und Lebensweisen. Unsere Gesellschaft ist auf Gemeinschaft und Interaktion ausgelegt. Die Gemeinschaft und das gemeinschaftliche Erlebnis ist vor allem in der Eventbranche ein ausschlaggebender Erfolgsgarant. Marketing-Events, Sport- oder Kulturveranstaltungen, alle haben eines gemeinsam: Gleichgesinnte treffen sich und interagieren mit der Veranstaltung. Sie konsumieren nicht nur Unterhaltung, durch ihre Partizipation gestalten sie die Live-Events aktiv mit und machen es somit einzigartig und unvergesslich. Veranstalter stellen “nur” eine perfekt inszenierte Plattform zur Verfügung, das Publikum, die Fans, die Gäste erwecken sie aber erst zum Leben. “Physical Distancing” und die damit verbundene Isolation entzieht den Veranstaltungen das Lebenselixier und die betriebliche Grundlage. Die wirtschaftlichen Folgen für eine komplette Region sind aber wesentlich weitreichender. Und genau das zeigt uns die Corona-Krise gerade sehr eindrucksvoll.

Das was die Wirtschaft jetzt braucht, sind konkrete Regeln und Vorgaben der Politik, damit wir Planungssicherheit zurückbekommen. Die Ungewissheit ist das, was unseren Wirtschaftszweig und alle involvierten Akteure derzeit so zermürbt. Rechtliche Rahmenbedingungen müssen klar definiert sein und dürfen keinen Interpretationsspielraum lassen. Die derzeit schwammigen Aussagen und Pressekonferenzen, die viel Raum für Interpretation lassen, verunsichern die Branche noch mehr und verschaffen keine Sicherheit. Planungssicherheit würde dafür sorgen, dass Unternehmer wieder in ihren Modellen denken, kalkulieren und forecasten können, Partnerschaften am Leben erhalten, um unternehmerische Entscheidungen treffen zu können. Die Einzelbereiche würden so nach und nach wieder ins Rollen kommen.

Neben Planungssicherheit fehlt eine langfristige Perspektive, die betriebliche Grundlage eines jeden Unternehmers. Nur weil Betriebe wieder aufsperren dürfen, Veranstaltungen wieder angeboten werden dürfen, ist das noch kein Garant dafür, dass das zahlende Publikum zurückkehren wird. Innovative Ideen und Konzepte, die ernstzunehmende Alternativen und Lösungen zu aktuellen Problemen anbieten, müssen gefördert und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Die öffentliche Hand darf nicht nur daran denken, wie wir die aktuelle Situation kurzfristig bewältigen können, vielmehr muss jetzt damit begonnen werden, langfristig, über Corona hinaus neue Business Modelle zu ermöglichen und zu fördern.

Unternehmer der Veranstaltungsbranche und die Kulturbetriebe müssen jetzt zusammenrücken und gemeinsam Lösungen entwickeln, die die Zukunft sicherstellen und Perspektiven bieten. Die Frage nach neuen Formaten und Möglichkeiten, ja auch mit Technologie und Digitalisierung, wird der Schlüssel zum Erfolg sein. Kurzfristig wird sich an der prekären Situation leider nichts ändern. Meiner Meinung nach müssen wir die Kompetenzen bündeln und im Schulterschluss über den Konkurrenzkampf hinweg, gemeinsam an unserer Zukunft arbeiten, ansonsten müssen wir auf die Vielfalt und Farbenpracht in der Kultur und Veranstaltungsszene wohl leider dauerhaft verzichten. Wir werden es schlichtweg einfach nicht überleben.

Das Wichtigste ist, die passionierten Veranstaltern, Dienstleistern und Künstlern dringend zurück in einen geregelten Alltag zu bringen. Die komplette Branche wartet auf das Wunder und die Eingebung, wann und wie es weitergeht. Wir Unternehmer sind selbst für uns verantwortlich und müssen jetzt Eigeninitiative zeigen und nicht den Kopf in den Sand stecken. Dazu gehört auch, mutig vorzupreschen und nichts unversucht zu lassen. Dazu gehört aber auch bei Unternehmen und Politik der Mut, neues, bisher unbekanntes Terrain zu betreten und Visionen und gute Konzepte zuzulassen, mitzutragen und zu fördern. Nur so können wir es schaffen, kreative Ansätze zu präsentieren, wie wir den physischen Limitierungen trotzen können, ohne dabei auf die Interaktion, das Erlebnis und die Unterhaltung verzichten zu müssen und gleichzeitig einem gesamten Wirtschaftszweig wieder auf die Beine zu verhelfen.

Mutig nach vorne – gemeinsam können wir Berge versetzen!



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